Zu „Frühstück im Stehen. Gedichte“ (1986)

In lakonischen Versen spitzt er die Vernünftigkeiten des Alltags sarkastisch zu, ironisiert Anpassungen und deren Forderung. Gern arbeitet Grüneberger mit Spiegelungsverfahren, mit Intertexten und Mehrfachkodierungen, ohne deshalb hermetisch, schwierig zu sein.

Alexander v. Bormann in: Deutschlandfunk und W. Killy, Literaturlexikon, Bd. 4, Gütersloh/München 1989

Zu „Stadt. Name. Land. Gedichte“ (1989)

Grünebergers Lyrik diagnostiziert allerdings nicht nur den bitteren Ist-Zustand, sondern gewinnt ihren besonderen Stellenwert durch ihre poetische Seismographik, ihre expliziten Signale, historischen Rückbezüge und politischen Akzente.

Nicolai Riedel, in: Passauer Pegasus, 8. Jg., Heft 15, 1990

Zu „Die Risse in der Liebe der Bewohner. Gedichte“ (1993)

Nach wie vor handeln Grünebergers Gedichte von der Bedrohung menschlichen Lebens durch den Menschen, ein Thema, das er schon zu DDR-Zeiten nicht an den Staatsorganen festmachte.

Ernst Nef, in: Neue Zürcher Zeitung, 20.11.1993

Keine magischen Orte oder Ereignisse werden beschworen: einfach entzauberter Alltag. Dichtung, wenn sie wahrhaftig sein will und ohne Verfallszeit, muß den Verlockungen von Agitation und Erbauung widerstehen. Ralph Grünebergers Verse lösen diesen Anspruch ein in ihrer lapidaren Tonart ohne Pathos.

Georg Oswald Cott, in: die horen Nr. 173 (1994)

Seine Lyrik ist vor allem durch gewitzte Lakonik gekennzeichnet, die verknappend, geistreiche Fügung, der man auch ein begründetes Mißtrauen gegen jeden Wortschwall ablesen kann.

Alexander v. Bormann, in: DEUTSCHE BÜCHEREI XXVII 1997/1

Zu „Immer wieder neu sehen“, Monographie des Malers Heinz Müller (2008)

[…] das Buch ist auch schön durch die Vielzahl der eingerückten Meinungen von bekennenden Müllerfans, Sammlern und Bewunderern. Und schön ist es vor allem auch […] durch den Text von Ralph Grüneberger. Da führt, das spürt man schon bald, nicht nur das Erleben von Kunst die Feder, sondern das Mitleben mit dem Künstler auch. Da hat jemand nicht nur geschaut, sondern auch zugeschaut. Und so gibt es nun solche enthusiastischen Passagen über die Obsession des Malens wie diese: „Gleicht es doch einem Wunder, ein Gemälde entstehen zu sehen, sich von seinem Geruch nicht mehr lösen zu können. Was für eine Faszination geht von einem frischen Bild oder von einem Halbfabrikat aus. Was für eine Bereicherung, es bei unterschiedlicher Helligkeit betrachten zu dürfen
– bei direkter Sonneneinstrahlung, bei verdunkeltem Himmel, im verdunkelten Zimmer, bei Regenwetter, Schauern, bei Schneesturm, im Frühlicht und bei Abendsonne.“
Nun, über Enthusiasmus muß man sich bei einem Mann wie Ralph Grüneberger nicht wundern: Er ist ein Dichter! Und ein Bild ist ja in aller Regel einem Gedicht verwandt: Es behandelt einen Gegenstand, es hat eine Stimmung und es vermittelt eine Befindlichkeit. Übrigens scheint es auch eine Leipziger Besonderheit zu sein, daß sich Lyriker reflektierend mit Malern auseinander- beziehungsweise zusammensetzen …

Helmut Richter, Einführung zur Buchpräsentation am 29.5.08, Stadtbibliothek Leipzig

Zu „Wunder ganz in der Nähe. Ein deutsch-deutscher Gedichtdialog mit Wolfgang Rischer“,
Hör-/Textbuch (2010)

1988 begegneten sie sich das erste Mal: Ralph Grüneberger aus Leipzig, der zu einer Lesung als „Arbeiterdichter“ nach Osnabrück reisen durfte, und Wolfgang Rischer, damals noch Lehrer. Er lebt in Süpplingen bei Helmstedt. Nahe am einstigen Grenzübergangspunkt.

Eigentlich ging es in Osnabrück um Texte aus der Arbeitswelt. Aber auch damals war es schon, wenn sich Dichter aus Ost und West trafen, so: Irgendwie ging es natürlich um das Hüben und Drüben und um den Riss, der unübersehbar durch das Land ging. Später – da war der Schampus vom 9.

November 1989 längst geflossen – wurden die beiden Dichter aus Sachsen und Niedersachsen Freunde. Im Grenzmuseum Helmstedt lasen sie gemeinsam. Und überhörbar fürs Publikum auch hier: Sie hatten sich beide in mehreren Texten mit dem Leben im geteilten Land beschäftigt. Nur die Sichtweisen änderten sich ab 1990 logischerweise. In Helmstedt wurde die Idee zu einem Gedichtdialog geboren.

Hier ist er nun gesammelt: 26 Texte in lebensfrohem Wechsel. Das Schönste daran: Die Gedichte der beiden heute 59- und 75-Jährigen sind nicht „wortmächtig“, wie Axel Kahrs im Vorwort meint.

Wahrscheinlich hat er einfach zu viele Literarische Quartette mit Marcel Reich-Ranicki und seinen Teefreunden geschaut. Auch die „aus Vergangenheit erwachsende Zukunft“ ist Quatsch. Auch wenn Kahrs ja das Richtige sagen will: Grüneberger und Rischer gehören nicht zu den Wortakrobaten im Land, den Schönrednern und Turmbewohnern. Sie sind Fußgänger im besten Worte. Manchmal gezwungen, wie Rischer, der so manche Straße im Grenzgebiet nur zu Fuß erlaufen konnte – bis sie sich in eine Sackgasse verwandelte. Ganz unverhofft.

Ralf Julke, in: Leipziger Internetzeitung, 23.10.2010

Es sind vier Jahrzehnte Beschreibungen von Befindlichkeiten, politischen und sehr persönlichen, die in die Sammlung eingebracht wurden. Grüneberger, der wie kaum ein Anderer DDR-Alltag, selbst in seiner dumpfen Banalität, zu notieren wusste, die sozialen Besonderheiten und Verwerfungen, schildert am Beispiel des Niedergangs eines Gebäudes und seiner »Hausgemeinschaft« den hiesigen Staat (»Das Haus gehört allen / Und keinem. Und wird verfallen […] Die Risse in der Liebe der Bewohner/ Teilen sich dem Gemäuer mit.«). Für alle Nostalgiker hält er als Titel die Floskel-Wahrheit

»Es war nicht alles schlecht« bereit, der die böse Katalogisierung der »Schutzwall«-Staffelung folgt:

»Der Schutzstreifenzaun./ Die Betonsperrmauer./ Die Hundelaufanlage./ Die Lichtsperre./ Die Beobachtungstürme./ Der Kolonnenweg./ Der Spurensicherungsstreifen./ Der Sperrgraben./ Die Selbstschussanlage./ Die schwarz-rot-goldene Markierungssäule./ Der Ährenkranz um Hammer und Zirkel./ Die Warnung: Hier beginnt / Die Deutsche Demokratische Republik«. Wir alle wissen: Sie war mehr als das, aber sie ließ sich, wenn man es so will, zeitweilig und umständehalber auch darauf reduzieren.

 […] Was sich unter den anderen Bedingungen entwickelt, ist nicht nur des Lobes voll zu schauen, die beiden haben sich ihren kritischen Blick bewahrt. Rischer sieht die Leucht-Fassaden eben als Fassaden und die Hallen von einem Allerweltshauch beherrscht, das eigene Gesicht ging verloren, und Grüneberger, der oft konzentriert und effektvoll die Dinge auf den Punkt zu bringen weiß, benennt die Wendezeit-Spezifik als Dieselbe Straße, ein anderes Land:
»Jetzt alles bunterbesser / Männer, Frauen / Beschäftigt / Mit dem Preisvergleich. // Die Menschen gehen / in Handelsketten / Verbergen ihr / Verfallsdatum«. Ironisch spricht er von

»Vergangenheitsbewältigung«, wenn vom Wegwerf-Abstellen der Plaste-Autokadaver die Rede ist. Die Besitzer haben »Alle Anzeichen ihrer Identität ausgekratzt. // Unter neuen Kennzeichen fahren sie fort.«

In derartig kunstvoller Weise etabliert sich auf knapp dreißig Seiten ein Kompendium jüngster deutscher Geschichte, eine lyrische Zeitzeugenschaft, die ihre literarischen Ansprüche fast überall erfüllt. Ein erfreuliches, besonderes, genaues und wichtiges Buch, eine wesentliche CD.

Manfred Jendryschik, in: Neues Deutschland, 3.2.2011

Zu „Bunte Pleite. Nachrichten aus der Provinz. Gedichte 1986-2010“ (2011)

Ich hatte eine Tour durchs Muldetal hinter mir, war von Zwickau gen Wurzen geradelt, hatte Burgen auf Felsen thronen und Dörfer in Täler gepresst gesehen, Sachsen von seiner romantisch verklärten und seiner industriell verhunzten Seite erlebt – und bekam den neuen Grüneberger-Band in die Hand. Ein gediegenes Büchlein mit grünem Lesebändchen, den Überschriften in roten Versalien und mit kraftvollen Hirschzeichnungen versehrter, verkrümmter und hinter Strichgittern verborgener Menschen. Da lese ich von all jenen Orten, die ich streifte, vor denen ich abstieg … Grüneberger steckt seinen politischen Kopf aus all seinen Texten, er hat ein Gespür für soziale Verwerfungen, wie Wissenschaftler dies formulieren würden. Doch was diesen Dichter ausmacht, ist immer das Detail, das erzählt und ein lyrisches Bild in Herz und Hirn senkt: „Die Brücke trägt die Bittsteller / Die vom Amt kommen, schwerfüßig / Über das Bett der Elster.“ Und wenn er im Titelgedicht einfach sieben Zeilen lang zitiert „… ABS ESP / Servo Navi Bordcomputer Funk TV / Xenon Colorglas Alu Sitzheizung / el. FH el. Spiegel el. Schiebedach / Wegfahrsperre Sportfahrwerk / Soundanlage Schisack / Dachreling Euro 3 Leder […]“ so weiß man, warum die Pleite bunt ist.

Doch der sarkastische Welt-und-Zeiten-Deuter ist für mich in diesem Band vor allem Beobachter des Dorflebens mitten in Sachsen – der sächsische Dichter der Äcker und Kopftuchweiber, der Flutkatastrophen neben Sandsackburgen und der frechen Frömmigkeit par excellence.

Matthias Biskupek, in: Palmbaum. Literarisches Journal aus Thüringen, 2/2011

Sie werden noch immer hergestellt, diese gut gemachten, erstaunlich handlichen, mit Liebe gestalteten Bücher aus Deutschland. […] Vielleicht ist das sogar der sinnlichste Gedicht-Reiseband, der bisher über den deutschen Osten erschien, nicht erfunden, nicht geschönt, in erdigen Bildern gemalt […].

Ralf Julke, in: Leipziger Internet Zeitung, 24.7.2011

… ein buchkünstlerisches Ereignis.

Irmtraud Gutschke, in: Neues Deutschland, 4.8.2011

Dem Poeten ist die Provinz der Mittelpunkt des Lebens und der Welt. Und sage ihm einer, dass das so nicht ist. Jedes seiner fünfzig Gedichte beweist: Jeder provinzielle Ort ist ein zentraler Ort der Welt und ihrer Geschichten, also der Weltgeschichte. Das muß man nur sehen können, wie Ralph Grüneberger zu sehen vermag.

[…] Bravo! Da drückt sich ein Lyriker mal nicht, was so vielen in den letzten Jahrzehnten mit ihren säuselnden Selbstbetrachtungen gelungen ist. […]

Um in seiner Ganzheit ein schönes Buch zu sein, das „Bunte Pleite“ wahrlich ist, gibt’s sechs Zeichnungen von Karl-Georg Hirsch nicht nur als beliebige Zugabe. Dem Künstler ist die deutsche Geschichte so wenig gleichgültig wie dem Lyriker. Hirschs Arbeiten sind irdisch-kräftig und kraftvoll, wie das Leben an sich ist.

Bernd Heimberger, für libri, 5.8. 2011

So hingeblickt, erfahrungsbeglaubigt und erlebnisdiktiert, weitet sich die protokollierte Provinz – die mitteldeutsche Tieflandsbucht – unversehns zu Welt […] Vom unikalen Holzstecher Karl-Georg Hirsch nicht so sehr illustriert als vielmehr illuminiert in diesem aufs delikateste edierten Büchlein …

Peter Gosse zur Buchpremiere in der Leipziger Stadtbücherei, Oktober 2011

Mit seismographischem Gespür weiß Ralph Grüneberger […] immer wieder zu überraschen. […] Mit diesem Gedichtband hat sich die Provinz für den Dichter als ergiebiger poetischer Raum erwiesen,

der all das, was Welt bedeutet, gleichsam in nuce enthält. Künstlerisch fruchtbar ist abermals die Zusammenarbeit mit Karl-Georg Hirsch, der mit fünf ausdrucksstarken Zeichnungen und einem markanten Holzschnitt diese gelungene Gedichtsammlung nicht nur illustrierend, sondern interpretierend bereichert. Der Band, von Jens-Fietje Dwars (…) liebevoll gestaltet, ist wirklich etwas für Kopf, Herz und Hand.

Wolfgang Rischer, in: die horen, Nr. 244, 2011

Der Leipziger Dichter Ralph Grüneberger ist sechzig geworden und hat sich selbst und uns einen Gedichtband geschenkt. […] »Bunte Pleite« ist eine lyrische Reise durch das Land zwischen Ostsee und Erzgebirge. […] Grüneberger lässt seine Fundstücke für sich selbst sprechen; er mildert nichts ab, bläst nichts auf. Seine Lyrik ist ungekünstelt, lakonisch, bisweilen von einer schroffen, geradezu schmerzhaften Authentizität, und eben darin kunstvoll. Und natürlich ist »Bunte Pleite« eher ein Geschenk Grünebergers an seine Leser als an sich selbst. Danke, Ralph!

Olaf Schmidt, in: Kreuzer, 12.9. 2011

Als sich mit dem Mauerfall der Eiserne Vorhang öffnete, wälzten sich nicht nur bonbonfarbene Trabi- Kolonnen röhrend von Ost nach West. sondern von West nach Ost setzte sich auch eine schnelle Eingreiftruppe aus seidenbetuchten Bankmissionaren, schlitzohrigen Versicherungsagenten, Gebrauchtwagenhändlern sowie ambulanten Kofferraum-Sexshop- Betreibern in Bewegung. Der sächsische Großdichter Volker Braun artikulierte damals in seinem berühmten Gedicht „Das

Eigentum“ die düstere Ahnung, dass „dem Winter“ ein „Sommer der Begierde“ folgen würde. Zwanzig Jahre später meldet sich der Lyriker Ralph Grüneberger aus Leipzig mit ebenso eindringlichen Versen zu Wort: Im Titelgedicht seiner gleichnamigen, bibliophilen Sammlung beschreibt er detailliert, dass Brauns Befürchtungen längst bittere Realität geworden sind. Im Osten Deutschlands sichern „Archäologen der Gegenwart“ in Autohausruinen „die bunte Pleite“. Und graben (un)gereimte Reklameschilder aus – mit zynisch anmutenden Botschaften: „Warum nicht

genießen & leasen“. Grünebergers sensibles innerdeutsches Geschichtsbuch in Gedichtform sollte Pflichtlektüre an Schulen werden und in keiner privaten und öffentlichen Lyrikbibliothek fehlen.

Anton G. Leitner, in: DAS GEDICHT, 2012

 

Fünfzig Texte sind ausgewählt, mit Zeichnungen und einem Holzschnitt von Karl-Georg Hirsch ergänzt und für einen Band der „Edition Ornament“ gestaltet worden. Das Ergebnis – einer der seltenen Fälle, wo Text und Gestaltung kongenial harmonieren. Allein die Farben des Einbandes (schwarz), des Frontispizes (ochsenblutrot), die sich in den Gedichttiteln und Versalien wiederholt und der Vorsatzseiten (tannengrün)! Dann die Qualität des Papiers, der Schrifttypen, der in Handarbeit aufgebrachten Titeletikette … – man kommt ins Schwärmen. Das passiert ganz sicher auch angesichts der Sprache der Texte, aber Verzückung und Augenverdreherei erheischen diese Texte nicht, sondern sie brauchen den hellwachen Blick dessen, der nicht nur eigene Erfahrungen im poetisch Gesagten ganz neu bestätigt findet, sondern eben auch ermutigt wird zum genauen Hinsehen. […]

 

Vor allem im Leipziger Umfeld, dann im Erzgebirge, im Thüringischen, aber auch in der Mark, im Wendland oder an der Ostsee ist vom Autor die Gegenwart besehen und geprüft worden als

„Archäologe“, und nur mit dem tiefen Blick zeigen die Landschaften ihre Geschichte her „wie eine Gruft“. Das unbewältigte Alte geht mit dem nicht gelungenen Neuen eine Melange ein, die auch Zukunft. […]

Viel Grau im Bunt, ja, aber wenn es auch nur ein „kornbleiches Mädchen“ ist, es dengelt die Sense und in Karl-Georg Hirschs Holzschnitt zum Gedicht „Rundling“ hält sie sie in den Händen, noch hinterm Rücken, aber wachen Blickes. So kann sich auch der Leser fühlen: geschärft, wach, gestärkt zum genauen Hinschauen und gewappnet.

Monika Hähnel, in: Freie Presse, Chemnitz 30.3. 2012

Nachrichten, Splitter, Geschichte, Geschichten. Nichts wirklich Abgeschlossenes, nichts mit letzter Konsequenz Bilanzierbares. Zeitnahmen sind es, die Ralph Grüneberger zu Papier bringt, auf den

Punkt, den Finger in Wunden legt […] Am Trefflichsten ist Grüneberger dort, wo er sich ganz zurücknimmt hinter den Text, gleichsam eines mit ihm ist …

Mit Blättern robuster, mitunter abgewandter, wie in den Hintergrund hinein- und also heimgehender Gestalten bereichert Karl-Georg Hirsch den sorgsam edierten Band. Der Holzscheider und Zeichner, ein Verwandter des Dichters in seiner zupackenden Art.

(…) Hier spricht einer klar, ohne Schnörkel, unbeirrt, kaum bestechlich. Hier hat einer seine Sprache gefunden, pflegt sie, ohne sie zu schleifen, ohne nach Mündern zu reden. Wer sagt denn, Provinz sei Abseits. Sie ist Grund. Feste. Bunt.

Ekkehard Schulreich, in: Signum, Heft 1/2013

(Auswahl und Zusammenstellung von Jens-Fietje Dwars, Herausgeber der Edition Ornament)

Zu „Liebe Freiheit Mann & Frau. Ein Lesebuch“ (2012)

Das Lese- und Schaubuch Liebe Freiheit Mann und Frau enthält Erzählungen, Short Storys, Gedichte und Essays von Ralph Grüneberger und in verschiedenen Techniken ausgeführte Grafiken von Sighard Gille. Sie lassen sich nicht auf einen Begriff bringen, aber zur ersten Orientierung könnte man sie einem sozial- oder milieukritischen Realismus zurechnen oder weiter gefasst: einem existenzkritischen. Grüneberger beweist beispielsweise mit dem

1978, 1996, 2012 im Brecht-Gestus geschriebenen dreiteiligen Gedicht Hanne Luhs, dass er sein lyrisches Programm nicht »wenden« musste

Jürgen Engler, in: Marginalien Nr. 3/2019

[…] Vieles aus der Schreibtischschublade, bisher nicht veröffentlicht. Anderes zwar schon lange veröffentlicht – aber auch schon lange vergriffen. Wie die Lyrikbände „Frühstück im Stehen“ von 1986 und „Stadt. Name. Land.“ von 1989.

Daraus findet man etliche jener Gedichte, in denen Grüneberger dem Erfolgsmythos der späten DDR einen Spiegel vorhielt. Er tat es immer auf irdische Weise, porträtierte die Helden der Arbeit in Aschegrau und Müdigkeit, ihren tristen Alltag und die vom Verfall bedrohten Häuser, in denen sie lebten. Er nahm diesen späten Nachklang des „Bitterfelder Weges“ ernst. So ernst, wie ihn auch Schriftstellerkollegen wie Hilbig nahmen. Und wie es die verkündenden Funktionäre so nie gemeint hatten. Dichter in der DDR mussten schizophren sein – oder die mühsamen Maskerade der Erlauber und Zensierer kennen.

Was trotzdem auch für Grüneberger nicht verhinderte, dass seine Gedichtbände jahrelang in den Warteschleifen der Genehmigungspolitik hingen. Und dann in der Regel auch viel zu spät kamen. Wie so vieles in dem Land, das sich am Ende selber wegzensierte. Wenn zu beweisen war, dass ein alternativer Gesellschaftsweg eine offene Diskussion und eine unzensierte Öffentlichkeit braucht, dann hat die DDR es mit ihrem wortlosen Abgang kommentarlos bewiesen.

Einer wie Grüneberger konnte an der Bruchstelle bruchlos weiter machen. Die Spinnerin Hanne Luhs, die er schon in DDR-Zeiten so mitfühlend porträtiert hatte, taucht in Folgegedichten von 1996 und 2012 wieder auf – das Werk, in dem sie sich geplagt hat, abgewrackt, sie selbst eine duldsame Warterin im Flur des Jobcenters.

 

Auch die Straßen und Häuser, die er vor 1989 in ihrem beklemmenden Niedergang zeichnete, kommen wieder, saniert zum Teil, nun nicht mehr bevölkert von grauen Arbeitsscharen, die im Morgenqualm zur Arbeit eilen, sondern von breitbrüstigen jüngeren Leuten, die auf der Straße Nationalstolz spielen, während die arbeitslosen Eltern sich hinter Gardinen verstecken. Es ist noch immer das alte Leipzig – die Gestalten sind älter geworden, die Stadt ist glatter, die Schicksale sind versteckter. Aber nicht nur Gedichte findet man in diesem Lesebuch des Leipziger Lyrikers. Auch einige seiner kurzen Geschichten sind drin. Auch die kleinen moralischen Einblicke in eine Welt, in der der Schein zumeist die Moral übertüncht, die Angst und die Einsamkeit.[…]

Das Tragische ist eigentlich, dass die Menschen, über die er schreibt, seine Gedichte nicht lesen.

Ralf Julke, in: Leipziger Internetzeitung, 20.11.2012

Zu „Die Ruhe einer Sekunde. Künstlergeschichten“ (2015)

Ralph Grüneberger erzählt sprachgenau, anschaulich von der Leidenschaft des Schaffens, dem Glück der Erleuchtung, von diesem Nicht-Anders-Können als Klavier zu spielen, Gedichte zu schreiben, zu malen. Von dem Unverständnis, dem Künstler immer wieder begegnen, von ihrer oft schwierigen Situation – und von ihrem Stolz, in der »Ruhe einer Sekunde« sich selbst die Treue zu halten.

Manchmal hat Ralph Grüneberger sich realen Personen zugewandt, wie der Lyrikerin Selma Merbaum, die mit achtzehn Jahren in einem ukrainischen Zwangsarbeitslager an Typhus starb. Manchmal hat er wirkliches Geschehen auch verfremdet oder strikt die Fiktion gewählt. Da geschieht in der letzten Geschichte »Der Maler und das Mädchen« sogar etwas Wundersames, Märchenhaftes. Irmtraud Gutschke, in: Neues Deutschland, 30.4.15

Und dass der Riss etwas mit Macht zu tun hat, mit Hochmut, Eitelkeit und der Selbstgerechtigkeit des siegreichen Bürgers, dem Kunst, Musik und Literatur allesamt „brotlose Künste” sind und schon immer waren. Aber was kann einer da tun, wenn er sich zu Markte tragen muss als Künstler?

Das bewegt Grüneberger nun seit 25 Jahren immer wieder. In Gedichten, in der emsigen Arbeit für die Lyrikgesellschaft und das „Poesiealbum neu”. Und in den kleinen Novellen, Skizzen und Parabeln, die er schreibt. Mit Liebe für all die Künstlerkollegen, die ihm auf seinem Weg begegnet sind – Maler wie Gert Pötzschig, Musiker, Dichterkollegen. Er schlüpft in ihre Haut und versucht, sich ihre Leben zu eigen zu machen. […] Lauter Varianten des stillen und so verheerenden Verrats an der Kunst, die Künstler begehen können. Ob sie nun Mitglied einer der zahllosen Jurys werden, in denen die Gelder der Stiftungen und Steuerzahler verkuhhandelt werden unter den immer gleichen eh schon Berühmten. Ob es der erfolgreiche Maler ist, der so die graue Ahnung hat, dass er seine Wurzeln auf einer Insel in der Ostsee zurückgelassen hat – und alle Rückkehr hilft nichts. Er findet sie nicht wieder

– dafür eine Insel im Ausverkauf. […] Das Bittere in den Geschichten ist immer gepaart mit diesem “Trotz alledem”, ohne das Künstler nicht weitermachen können. Sie wissen ja um die Fallstricke, diese Verlockung, dem zahlenden Publikum auch einfach das Marktgängige zu servieren, mit dem man Geld und Preise einheimsen kann. Der andere Weg ist der schwerere. Und er führt immer wieder in Grenzsituationen, Momente, in denen die Entscheidung auf Messers Schneide steht: sich treu bleiben oder sich verbiegen für eine warme Mahlzeit?

Ralf Julke, in: Leipziger Internet Zeitung, 1.3.2015

Die Hoffnung, die Träume auf ein der eigenen Literatur und der Nachdichtung gewidmetes Leben in einer Brandung aus letztlich enthirnter Ideologie und stirnloser Bosart zerschlagen: Es gibt letztlich, auch wenn es eher ein Thema der Soziokultur denn der Kunst sein könnte, bis heute die Notwendigkeit, dem Entsetzen, dem Geistverschleiß, der gerade wieder an den Zinnen der Spätaufklärung herumsaugt, etwas entgegenzusetzen, das von den Möglichkeiten und der Schönheit des Menschlichen unbeirrt berichtet.

 

Es sind allesamt Storys über das Bestehen oder Nichtbestehen in Grenzsituationen, die der Leipziger Dichter und Vorsitzende der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik hier in einem Konvolut fasst. Von einem Landschaftsmaler wird berichtet, der sich, eigentlich der Politik völlig fern, gegen den Rassenwahn seiner Zeit verwahrt. Aber auch der Verfall der „guten Sitten“ im Kunstbetrieb ist Thema: so verzweifelt ein Geigenbauer, für die feinsten Materialien sensibel, an den Billigprodukten aus China, die ihm unter die Finger kommen; ein Autor kommt angesichts der Fäulnis des Literaturpreiswesens aus dem Kotzen nicht mehr heraus: schmerzliche Umstände, die in den reichen Gesellschaften ein tatsächliches Urteil über Qualitäten immer mehr verwässern und verschleifen.

Auch Musiker kommen an die Grenzen des Erträglichen, Margarethe Corvinus etwa oder ein ausgemusterter Orchesterinterpret, die an äußeren Umständen leiden und/oder scheitern müssen. Und in der letzten, der längsten der Erzählungen erwacht das Mädchen Malinka auf der Leinwand und entflieht dem Maler, der sich nach ihr gesehnt hat …

Auch die vorletzte Story ist einer historisch fassbaren Person, Margarethe Raabe, gewidmet. Neun flirrende Geschichten über das Künstlerwesen, dem Leser im Vertrauen auf seine Vorliebe für derart ungewöhnliche respektive tragische Fata anvertraut: Respekt.

André Schinkel, in: Palmbaum Heft 2/2015

Zu „Die Saison ist eröffnet. Neue Gedichte“ (2016)

71 Gedichte (schöne Primzahl), in denen sich uns Weltgelände und ihre Geschichte in Erinnerung bringen. […] bemerkenswert, wie gerade Leute konträrer Poetik – so die Mayröcker oder Hilbig – nobel in Augenschein genommen werden. […] Ein Buch ist uns an die Hand gegeben, Kronstein vielleicht des Gewölbes, das die Vielzahl von Grüneberger Lyrikbänden bildet …

Peter Gosse, in: Neues Deutschland, 25.10.16

Literaturwissenschaftler Norbert Schaffeld [spricht] im Nachwort zu diesem neuesten Grüneberger- Gedichtband auch eher vorsichtig-theoretisch vom „(Sozial)Politischen“, das man aus Grünebergers Gedichten seit 30 Jahren gut kenne. Und liegt daneben. Auch wenn Ralph Grüneberger geradezu berühmt ist für seine Gedichte über das Arbeitsleben und das Leben der Arbeitenden. Denn er gehört ja zu diesen richtigen Ostgewächsen der Dichtung, die das ewige Gerede von der „Feier der Arbeit“ und dem Ruhmgesang auf die Schaffenden ernst genommen haben. Wer so etwas ernst nimmt, wird ganz selbstverständlich zum Schwejk. In diesem Fall einem sehr einfühlsamen. Er macht sich nicht lustig über das, was er sieht, sondern er fühlt mit. […] Geschichte spielt immer wieder hinein in seine Gedichte. Als menschliche Geschichten, als Versuch, in komplizierten Verhältnissen das Richtige zu tun. Oder nur einfach das Notwendige.

Ralf Julke, in: Leipziger Internetzeitung, 17.7. 2016

Die meisten Gedichtbände betritt man und ist sofort umringt von Worten, Bildern, Vergleichen. Bei Ralph Grüneberger ist das nicht so, obgleich man auch hier sofort ins Geschehen gezogen wird. Aber in seinen Gedichten kredenzt einem die Sprache nicht unentwegt dichte Ahnungen und zugeschnittene Unergründlichkeiten, sie zieht vielmehr ein offenes, anschauliches Panorama auf.

Timo Brandt, in: fixpoetry, Januar 2018

Mit großer Freude habe ich Ihr Buch erhalten und es gleich gelesen. Inzwischen werden es an die sechs Mal sein, dass ich Ihr Buch gelesen habe. Diese Gedichte ziehen mich magisch an. Es ist das Beste, was ich auf poetischem Gebiet bisher gelesen habe. Einfach großartig. Schlüssig, ausgewogen, musikalisch, bildnerisch, besonders bildhaft, behutsam mit dem eigengesetzlichen Wort gestaltend, lebenserfahren, nicht herumphilosophierend, sondern schlüssig reflektierend, oder die richtigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt treffend formulierend. Nie mutwillig abrundend, sondern Raum für eigene Weiterentwicklung im überhängenden Nachklang lassend. Aufs Wesentliche, auch kleinste Details, bezogen, nie verzettelnd, aber bescheiden, schlicht und nie scheinheilig, pharisäisch, niemals selbstverliebt. Wenn es überhaupt Objektivität gibt, dann diejenige Ihrer Gedichte. Ich war total von den Socken. Dass ein Mensch so lässig bildhafte Sprache perfektionieren und als Handstück- Bruchstück – und doch wirkliches Ganzes anbieten und weitergeben kann. Anders, vielleicht noch imaginierender aber gleichzeitig nüchtern-kerniger, sogar noch tiefergehender, noch lässiger, wenn Sie wollen „cooler“ als Krolow und Eich. Der überraschende Gedankensprung wird gebremst angesichts der Dürre der Wirklichkeit. Was daraus entsteht, ist ein entspanntes Spannungsfeld. Sie lassen den Leser nie hängen. Sie schreiben ihm nichts vor.

Sie schaffen ein Gedicht nach dem anderen. Geben ihm persönliche Anlässe und Widmungen, und gliedern sich ein, reihen sich ein, kollegial, brüderlich, obwohl niemand neben Ihnen stehen kann, der im Stande ist Gleichartiges hervorzubringen. Von Anfang bis zum Ende ein Meisterstück, unerreicht. Das einzige, was nicht so sehr zum nachfolgenden Inhalt paßt, ist meiner Meinung : der Buchtitel. Aber, so what, macht nichts. Eines ist ja klar, dieses Buch hätte Suhrkamp oder Rowohlt verlegen müssen, damit es quasi automatisch in den Buchhandel kommt und die dauerhaft Interessierten erreicht. Aber ich weiß davon auch ein Lied zu singen. Hier haben wir ein ähnliches Schicksal. Übrigens hervorragende Grafiken. Seltene Qualität! Sehr passend. Auch ein Zeichen, wie Sie sich kollegial einfügen und auch andere zur Geltung bringen. Hut ab ! Alles in Allem – ich wüßte nichts, was Besseres es geben könnte, und ich mag Klassifikationen an sich überhaupt nicht. Aber das berührt mich, trifft mich mitten ins Mark. Ich war ihnen schon vorher anerkennend verbunden, jetzt bin ich es noch viel mehr. Wolfgang Mayer König, Graz, 2019

Zu “Leipziger Liederbuch” (2017)

Geschaffen vom Leipziger Dichter Ralph Grüneberger, ist Leipzig zu einem Eldorado deutscher Gegenwartslyrik geworden. Vor mehr als zwei Jahrzehnten übernahm er die bankrottgegangene Tübinger „Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik“ und siedelte sie in seiner Heimatstadt neu an. Mit unbeirrbarer Konsequenz baute er ein literarisches Fundament, auf dem zeitgenössische Dichtung erblühen konnte und vielen heutigen Lyrikern der deutschsprachigen Literatur eine Existenzgrundlage für ihre Poesie verleiht.

Zusammen mit dem in Wandlitz lebenden Komponisten und Musiker Walter Thomas Heyn hat er 30 Jahre nach der Uraufführung, zu der die Liedtexte und Gedichte eigentlich erscheinen sollten, in der Edition kunst & dichtung ein „Leipziger Liederbuch“ veröffentlicht – oder besser gesagt: aus der Taufe gehoben -, das sowohl Poesie von ihm aus verschiedenen Zeitabschnitten als auch Vertonungen etlicher seiner Gedichte enthält. Diese Dokumentation wird ergänzt von umfangreichen persönlichen Darstellungen Grünebergers, der ausführlich die Situation der Poesie in der DDR beschreibt und damit zugleich die komplizierte politische Situation jener Zeit vor Augen führt.

So erhält diese Sammlung von Texten und musikalischen Umrahmungen eine weit über das Nur- Künstlerische hinausgehende Bedeutung. Sie grenzt an Politik ebenso wie an die Darstellung pseudophilosophischer Grundzüge der DDR und ihrer Auswirkungen auf konkret poetisches und damit nicht nur allgemein-artifizielles Schaffen. Und rührt damit zugleich an die Existenz des Individuums in jener vergangenen diktatorisch agierenden Gesellschaft.[…]

So werden in dieser glänzenden Kompilation Vergangenheit und Gegenwart im Spiegel der Literatur und ihres politischen Umfeldes zu einem Bild deutscher Geschichte, wie es beispielhafter nicht sein könnte. Darüber hinaus sind sie aber auch Manifestationen der Abhängigkeiten von Geist und Umwelt der Epochen, in denen sie geschaffen wurden. Dafür ist Grünebergers literarisch-politisch gebündelte Essenz der Wandlungen eines selbst erlebten Zeitalters ein glänzendes Beispiel.

Walter Neumann, in: Deutsche Musikzeitung, 2019

Eigentlich war keiner besser prädestiniert, genau über diesen rauen Alltag der Werktätigen (wie das damals hieß) zu schreiben und ein Lied auf die Malocher und ihre Stadt zu schreiben. Was Grüneberger auch tat. Nur: Funktionäre verstehen Realität immer ein bisschen anders. Und schon früh zeigte sich der Dissens, zeigte sich der zugeordnete Genosse unzufrieden. Das blieb so bis zum Ende, auch wenn das Liederbuch tatsächlich zwei Aufführungen erlebte, eine davon im Gewandhaus. Eine hat sogar der Rundfunk aufgezeichnet und die Aufnahme konnte im Sächsischen Staatsarchiv aufgefunden werden.

Sie liegt als CD dieser Erstveröffentlichung des Liederbuchs bei, das – vertraglich gesichert – eigentlich 1987 zur Uraufführung schon erscheinen sollte. Aber das unterließ man lieber. Dazu waren einige Texte dann doch zu doppelbödig. Wie das so ist mit Lyrik, wenn der Dichter die Klappe nicht halten kann und den Worten ihre An- und Beiklänge abluchst. Was Lyrikleser in der DDR zu genießen wussten. Leser sowieso. Aber nicht alles stand zwischen den Zeilen. Manches steckte gut verpackt mitten im Text. Da genügte eine Anspielung – und auch die staatlichen Organe wurden munter. Der komplette Literaturbetrieb in der DDR war durchwacht. Und bevor ein Buch erscheinen konnte, hatten nicht nur die Lektoren den Text studiert. Schon mit seinem ersten Lyrikband erlebte Grüneberger diese Winkeltänze – und wie sehr sie die Veröffentlichung eines Gedichtbandes verzögern konnten. Im Binnenteil des Buches erzählt er über diese Startphase als Lyriker und über

seine Erfahrungen mit der still waltenden Zensur. Wer zu deutlich wurde, der riskierte nicht nur, dass das Buch nicht erschien. Die Mächtigen konnten ungnädig sein.

Der komplette Literaturbetrieb in der DDR war durchwacht. Und bevor ein Buch erscheinen konnte, hatten nicht nur die Lektoren den Text studiert. Schon mit seinem ersten Lyrikband erlebte Grüneberger diese Winkeltänze – und wie sehr sie die Veröffentlichung eines Gedichtbandes verzögern konnten. Im Binnenteil des Buches erzählt er über diese Startphase als Lyriker und über

seine Erfahrungen mit der still waltenden Zensur. Wer zu deutlich wurde, der riskierte nicht nur, dass das Buch nicht erschien. Die Mächtigen konnten ungnädig sein.

Ihr Misstrauen war allgegenwärtig. Sie witterten selbst da Gefahr, wo der Dichter nur wortgewaltig mit Assoziationen spielt. Heute, so stellt auch Ralph Grüneberger fest, wirken die Texte überhaupt nicht mehr ungewöhnlich. Anstößig schon gar nicht. Niemand würde bestreiten, dass sie das rußige Leipzig der 1980er Jahre genau beschreiben. Ein paar Schwarz-weiß-Fotografien lassen es auch sichtbar werden. Man riecht die kohlenrauchgeschwängerte Luft, die ganze Tristesse einer auf Verschleiß gefahrenen Stadt, deren Schönheit ihre Bewohner schon lange nicht mehr sehen konnten. Eine Darstellung, die so nicht wirklich offiziell erwünscht war. Sie entsprach nicht dem Jubelbild vom siegreichen Sozialismus, das man gern hören und sehen wollte. Wenigstens in den Gedichten der Dichter. Was Grüneberger in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Walter Thomas Heyn auf die Beine stellte, klang nicht nur dissonant, es beschrieb sehr plastisch eine dissonante Welt.

Ralf Julke, in: Leipziger Internetzeitung, 22.11.2017

Zu „Herbstjahr. Roman“ (2019)

Überrannt von den historischen Ereignissen nimmt das Leben von Jesse und dessen Freunde eine dramatische Wende. Ein bis zum Schluss spannender Roman, facettenreich erzählt.

Bemerkenswert, frappierend: die Klammer des Anfangs und des Endes in diesem Roman: von den Schlagstöcken der Uniformierten der DDR-Polizei zu Beginn hin zu den Tritten der Springer-Stiefel von glatzköpfigen Neo-Nazis am Schluss des Romans. Dazwischen ein temporeicher Spannungsbogen mit viel „Musik“ (das gibt den Tönen der vielseitigen Sprachgestaltung noch eine besondere Zeitfärbung). Bestens gelungen!

Manfred Klenk, in: Räuber 77 Mannheim, Literaturempfehlung, 27.4./7.11.2020

[Grüneberger] erzählt […] aus erster Hand, wie sich aus der Sicht dreier Protagonisten die dramatische Wende im Herbst 1989 im Volk abgespielt hat und mit welchen Orientierungsproblemen ein Jahr später die Menschen zu kämpfen begannen. Nicht nur als Zeitdokument lohnend und wichtig für viele Bibliotheken.

Jürgen Seefeldt, ekz-Informationsdienst, 27.10.2019

Im Jahr dreißig des Mauerfalls ist „Herbstjahr“ nicht nur ein Werk der Stunde, nein, es wird auch noch lange darüber hinaus von den Jahren, die uns prägten, ihrem Licht und ihren Widersprüchen künden. Respekt dem Mann, der dieses festhielt und schrieb. Respekt den Menschen, die all dies auf sich nahmen und Veränderungen in Kauf, für unter anderen Umständen zwei Leben kaum reichen mögen. Und guten Mut für die, die angehalten werden und sich entscheiden, von dieser gewaltigen Zeit Kunde zu bekommen, die auf das Leben so vieler Menschen – auf die eine oder die andere Weise

– Einfluß nahm.

Ich empfehle das Buch Erwachsenen wie Schülern und bei weitem nicht nur geschichtlich oder regional Interessierten von Herzen zur Lektüre, es dürfte ein guter und abendfüllender Ausgangspunkt sein, sich zu erinnern und/oder in Diskussion zu kommen.

André Schinkel, in: fixpoetry und Ort der Augen 2020

 

Erstaunlich viele Themen, die Grüneberger anklingen lässt und die die oft genug eigentlich unaushaltbare Spannung dieses Jahres nach diesem 9. Oktober spürbar machen. Eine Spannung, die auch die Helden seines Romans zuweilen mutlos zu machen droht. Gerade Jesse und Rainer wollen gar nicht erst in die Lage kommen, ihre Eltern um Unterstützung anbetteln zu müssen. Sie wollen zeigen, dass sie es aus eigener Kraft schaffen können. Und es lässt sich für Rainer, der sogar das noch junge Connewitzer Besetzerprojekt kennenlernt, sogar gut an. Die neue Zeit könnte für ihn eigentlich beginnen. Aber es ist auch eine Zeit, in der die alte Staatsmacht selbst im Übergang ist, von vielen Leipzigern damals regelrecht als macht- und zahnlos erlebt.

Viele erinnern sich gern an die berauschende Aufbruchsstimmung nach dem 9. Oktober. Über das, was die meisten dann ab dem Sommer 1990 durchmachten, wird eher selten geredet. Grüneberger aber erinnert diese Zeit sehr detailreich, eine Zeit, in der auch Freundschaften, Ehen, Arbeitskollektive sowieso zerbrachen

Ralf Julke, in: Leipziger Internetzeitung, 15.9.2019

Warten Sie noch auf den definitiven Wende-Roman? Es gibt derer mehr als ein Dutzend und nun kommt noch einer, geschrieben von einem Leipziger, der den Herbst vor 30 Jahren hautnah miterlebt hat. Es ist das Romandebüt eines Lyrikers.

Jo Fried, in: Palmbaum, Heft 2, 2020

 

Ralph Grüneberger, vielen bekannt vor allem als Lyriker und Verfasser kurzer Prosa, lässt in seinem ersten Roman drei Figuren agieren, deren Lebenswege sich vielfach kreuzen. Außer Jesse lernen wir den Freund Rainer kennen, der über Ungarn der DDR den Rücken kehrte und in dessen verlassener Wohnung Jesse zunächst Unterschlupf findet, sowie dessen Schwester Monika, deren Erlebnisse die Zeit zwischen den Handlungen um die beiden Freunde verknüpfen.

[…] Ralph Grüneberger zeigt anschaulich auf, wie die Wege junger Menschen nach 1989, trotz neuer gesellschaftlicher Möglichkeiten, keineswegs immer geradlinig verliefen. Wer einen gewaltigen Wenderoman erwartet hat, mag enttäuscht sein. Aber gerade die mitunter sehr verhalten geschilderten Schicksale ergeben einen ganz besonderen Roman.

Gert Steinert, in: SIGNUM, Sommer 2020

Gmeiner Verlag:
https://www.gmeiner-verlag.de/buecher/titel/herbstjahr.html

 

Zu „Leipziger Geschichten. Erzählungen und Kurzgeschichten“ (2020)

[…] das Buch [liest sich] jetzt wie die sensible Beschreibung einer Wirklichkeit, die heute fast völlig aus der Wahrnehmung verschwunden ist, zugekippt mit lauter Erfolgsmeldungen, Jubel über Rekorde und Wachstum. Wo aber sind all die Gescheiterten und Entsorgten geblieben? Was passiert mit einer Gesellschaft, der die Schicksale der unter die Räder Gekommenen so völlig gleichgültig sind? Hätten ja nicht scheitern müssen, hätten sich ja nur anstrengen müssen …

So wie der Vertreter in „Oldtimer-Blues“, der es geschafft hat, die „Wende“ zu meistern und sich in einem neuen Betätigungsfeld zu behaupten. Bis die Sache mit dem Knöllchen passierte, die sich binnen weniger Wochen zur Katastrophe auswächst.

Denn mit seinem liebevoll aufgemotzten Oldtimer wird er augenscheinlich zur Zielscheibe verfolgungssüchtiger Politessen. Die den Helden am Ende zum Äußersten treiben. Der Stolz auf das Selbstgeschaffene (das liebevoll restaurierte Auto) kollidiert mit der Straflust einer Behörde, die dem ungehorsamen Bürger all ihre stupide Macht zeigen will.

Mit Grüneberger schlüpft man hinein in all diese Heldinnen und Helden einer Geschichte, in der sie sich nicht schonen, in der sie oft genug unter die Räder kommen, das Liebste verlieren und sich oft genug nicht wehren können gegen das, was ihnen die vermeintlich Stärkeren antun.

Es sind typische Leipziger Geschichten, auch wenn man sich als Leser im Jahr 2020 lieber anschnallt beim Lesen, weil einen diese Geschichten, die zum größten Teil zwischen 1990 und 2010 entstanden, zurückwerfen in eine Zeit, in der es Leipzig ganz und gar nicht gutging, egal, was die führenden Zeitungen damals schrieben, wo die meisten Leipziger erfuhren, wie brutal und elementar die „neue Zeit“ in ihr Leben eingriff und alles infrage stellte – ihre Ehe (wie in „Weiße Weihnacht“), ihr Zuhause (wie in „Niemandslicht“), ihre Arbeit (wie in „Am Rand oder Das Leben ist ein Roman“).

Grüneberger hat nicht nur ein Faible für die „Erniedrigten und Beleidigten“. Er ist in ihrer Welt zu Hause. Er ist kein Star- und Glamour-Autor, kein philosophischer Wolkenbauer (weshalb er auch nie den Preis der Leipziger Buchmesse bekommen wird). Er hört den Menschen zu, versucht, ihre Schicksale zu begreifen. Und er weiß, wie das ist, wenn man sich knapp am Limit durchschlagen muss.

Ralf Julke, in: Leipziger Internetzeitung, 14.2.2020

Rezension MDR Kultur

von Wolfgang Schilling

Zu „Enthält Kunstplatzierung. Gedichte & Miniaturen zur bildenden Kunst“ (2021)

Sein neues Werk ist ein poetischer Blick auf die bildende Kunst: „Enthält Kunstplatzierung“ mit Gedichten und Miniaturen zu Leben und Werk bekannter Künstler. Grünebergers Textur komme

„ohne Nabelschau aus und verirrt sich nicht in kunsthistorischen Belehrungen“, schreibt Wolfgang Mayer König im Nachwort.

Gekonnt verdichtet Grüneberger und überblendet mit unerwarteten Reflexionen Sprachbild und Bildkunst, bis die Leserinnen und Leser zum Beobachter von Kunstwerk und Künstler gleichermaßen werden, ihr eigenes Bild imaginieren. Musik und Takt seiner Worte bilden eine feine Untermalung, damit sich Zeichnung, Gemälde, das Bildhafte in einer gemeinsamen Melodie darüberheben lassen: eine Momentaufnahme von Poesie und visuellem Gestalten mit musikalischer Begleitung.

Manfred Klenk, in: Leipziger Volkszeitung, 16.2.21

In einer knappen, verdichteten Sprache werden existenzielle Grundkonstellationen skizziert oder Lebenszyklen abgebildet, schöpft der Poet ebenso wie seinerzeit die Maler aus dem Repertoire des Mythologischen, Historischen oder der Gegenwärtigkeit und Alltagswelt. Immer wieder rückt die Mann-Frau-Beziehung in den Blick, kommt Erotisches zur Geltung, so in den Gemälden Griens, oder den Zeichnungen des späteren Picasso; zeigt sich neben der emotional-verbindenden bisweilen auch die zerstörerische Seite der Liebe.

Ist ‚Liebe‘ ein zentrales Thema der betrachteten Bilder, so auch das des Todes, wo alle Lebensalter sich an einem Tisch versammeln, der „aus Sargholz“ ist. Weiteres, was analog zu den Bildern oder den Biografien ihrer Schöpfer in die dichterischen Texte Eingang findet, sind Aspekte des künstlerischen Prozesses bzw., wie im Falle Turners, der Zusammenhang von äußerem Ereignis und Schaffensimpuls, aber auch Momente der Rezeption oder des Nachruhms. Der Antagonismus von

‚Kunst‘ und ‚Leben‘ tritt gelegentlich, und besonders einprägsam bei dem Maler van Gogh, zutage, was in starken Sprach-Bildern wiedergegeben ist, etwa wenn es heißt: „Die Gitter vorm Fenster / Sind Rippen des Schnitters“.

Überhaupt kommt sprachliche Verdichtung immer wieder dadurch zustande, dass Einzelworte mit

Bedeutung ‚aufgeladen‘ erscheinen; dass sie in dieser Bedeutungsballung über sich hinausweisen, zu Symbolen werden – oder dass die Mehrfachbedeutung von Wörtern oder Wendungen genutzt wird bzw. die Möglichkeit ihrer Verwendung im wörtlichen, aber auch im übertragenen Sinne. Karg und zugleich inhaltsschwer erscheinen Zusammenhänge; werden Dinge und Menschen zueinander in Beziehung gesetzt und so Lebens-Ab- und Einschnitte veranschaulicht, die oft Tragik bergen […] Entstanden ist mit der „Kunstplatzierung“ ein bekenntnishaftes, Dichtkunst im besten Sinne als Kunst der Verdichtung präsentierendes, höchst anspruchsvolles und lesenswertes Werk.

Marianne Beese, Empfehlung des Monats, Febr. 2021, www.lyrikgesellschaft.de

 

Im Grunde sind Grünebergers Texte zur Kunst lauter kleine Ermutigungen, dem eigenen Blick zu vertrauen, die ganzen Theoretiker, Kritiker und Kunstwärter zu vergessen und sich selbst das Recht zu nehmen, ganz allein vor dem Bild zu stehen. Und zu sehen, was man sieht. Und sich zu freuen über das, was man entdeckt. Oder hineinentdeckt in die Bilder. Denn auch der Kunstbetrachter bringt mit, was er weiß und liest seine eigenen Geschichten hinein in Bilder, die ihre Ab- und Hintergründe oft erst zeigen, wenn man sich auf sie einlässt und sie nicht abhakt, weil sie irgendwo zum Musst-du- mal-gesehen-Haben gehören.
Also keine „Mona Lisa“, kein „Abendmahl“, kein „Ritter mit dem Goldhelm“. Sondern „Hinter den sieben Bergen“ von Mattheuer zum Beispiel oder „Umgestaltung des Karl-Marx-Platzes“ von Müller Simon, zwei Leipziger Bildikonen, die in älteren Leipzigern ganze Meere von Gefühlen anklingen lassen. Bilder, die auch noch viele Jahre nach ihrem Entstehen davon erzählen, wie sehr einen Leben betroffen machen kann. Und, dass gute Bilder einen berühren können. Auch Jahre später noch. Manmuss sich nur die Geduld nehmen, stehenzubleiben und sie wirklich anzuschauen. Oder eben – wie in „Cry baby!“ – einfach so wegzutauchen in eine Zeit, in der unsere Mütter oder Großmütter einmal so jung waren wie diese unbändig lachenden Mädchen im Kino. Natürlich ein typischer Grüneberger- Blick.

Werbeflyer Enthält Kunstplazierung